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Saison 2006

Vorhang auf – los geht‘s!

Bühne frei für allerlei seltsame Gäste

 

An einem Mittwoch im Oktober geht es wieder los. Die neue Theatersaison im Schützenhaus. Welches Stück wurde wohl ausgesucht? Ich bin neugierig und freue mich auf das Treffen. Die anderen wohl auch, denn der ganze Haufen sitzt fröhlich schwätzend und trinkend um einen Tisch im hinteren Teil des Schützenvereins. Bei jedem neu ankommenden Mitglied der Theatergruppe rückt alles ein wenig enger zusammen. Da wird mir bewusst, wie viele wir eigentlich sind. Und das schon so lange.

Sofort geht’s los: „Ist das der Bahnhof von Nieder-Klingenbad? Hier war ich ja schon seit 2 Jahren nicht mehr. Hat sich einiges verändert.“ „Ach hallo Frau Baronin“. „Hallo Papa“ ... Man ist wieder ganz im alten Stück. „Wisst ihr noch als wir mit dem Zug nach Darmstadt gefahren sind zum gemeinsamen Essen? Und als Armin dann in Traisa den Zug abpfeifen durfte“? Ach ja, und der schöne Winzer, der uns beim Ausflug an die Mosel eine so lustige Weinprobe geliefert hat?

Da sind wir wieder, als ob keine zwei Jahre dazwischen liegen würden. Und wir würden bestimmt noch ewig reden, wenn’s nicht plötzlich offiziell würde. Sabine stellt das neue Stück vor. Es spielt in einem Pfarrhaus. Hey, super. Wie wär’s wenn wir in den Zuschauerraum Kirchenbänke stellen. Ja, das machen wir! Wo kriegt man die denn her?  Erste Hausaufgabe: drüber nachdenken. Zweite Hausaufgabe: Stück lesen und über die Rollenverteilung nachdenken.

 

Eine Woche später ein neues Treffen. Die Rollenverteilung ist relativ schnell erledigt. Moment mal, da stimmt was nicht. Das Stück verlangt eins, zwei ... fünf männliche Darsteller und sechs weibliche. Wir sind aber sechs männliche und vier weibliche. Da ist ein Mann zu viel und eine Frau zuwenig. Kein Problem! Eine der Frauen im Stück wird ein Mann. Beim Theater ist alles erlaubt. Jetzt stimmt‘s. Oder? Fünf plus sechs gibt 11. Wir sind aber doch immer noch sechs plus vier, also 10. Manchmal ist es beim Theater dann doch wieder wie im richtigen Leben: es fehlt eine Frau! Ohne die geht gar nichts. Neue Hausaufgabe: jemanden finden, der Lust und viel Zeit hat, es mit uns aufzunehmen.

 

Diese Hausaufgaben nehmen mit der Zeit zu. „Was ist eigentlich ein Domkapitular genau?“ – Herausfinden! Hat wer Schränke, Tische und Stühle? Und einen Ohrensessel? Wir brauchen einen Kachelofen. Ja, den brauchen wir. Und wie war das noch mit den Kirchenbänken? Wir sind dran.

 

So nach und nach lernen wir unseren Text und versuchen mit allen Requisiten zu spielen. Dazu gehört auch die Maus. Wie soll das gehen? Wir können doch keine Maus auf die Bühne bringen! Mit lebenden Tieren spielen wir nicht. Da sind wir uns einig. Und mit Mäusen schon gar nicht – da ist sich eine von uns einig! Wir können doch so tun, als ob da eine Maus ist. Nein, das geht nicht. Wenn, dann muss es echt sein. Gut, dann eine Spielzeugmaus. Iiiigittt, muss es denn unbedingt eine Maus sein? Ja, was denn sonst? Wie wär’s mit einer Spinne? Die sieht doch sowieso keiner aus dem Publikum. Und was soll denn der Kirchendiener sagen, wenn er in den Schuh schlüpft? Wenn der seinen Fuß da reinsteckt , ist die Spinne nicht mehr da. Aber die muss doch zurück in die Keksdose und zwar lebend. OK, dann eben anders. Wie wär’s mit einer Springspinne? Die springt dann über die Bühne und beißt keinen. OK. Hermine: „ah einen Springspinne in meiner Keksdose“, „die Springspinne hätte dich noch ganz woanders zwicken sollen“ äh – Moment das geht nicht. „Die Springspinne hätte ganz woanders hin spinnen/springen sollen“. Wir haben Tränen in den Augen, aber so geht das nicht.

 

Einige Proben später ist Luise da. Weil „Maus“ ist so ein ekliges Wort. Luise schafft ihren Auftritt bravourös, wenn der Luisenmeister (= Ralf) nicht den Einsatz verpasst. Einmal ist Hermine schneller und Luise an der Wand gefangen. Und jetzt? Üben, üben, üben.

 

Das gilt auch für die Kussszene. Immer wenn sich ankündigt, dass jetzt die berüchtigte Szene kommt, wackelt rechts außen der Vorhang und einige Nicht-gerade-auf-der-Bühne-Spielende stecken heimlich ihren Kopf raus, um zu sehen, wie die Szene klappt. Blitz! Zumindest das Foto hat geklappt. Das, das die Zaungäste zeigt. Denen wird die Diskussion dann aber irgendwann zu bunt. Wie wirbelt man denn eine Frau herum? Markus und Armin machen es vor. Markus hebt Armin so hoch, dass dieser fast den Kopf einziehen muss, um nicht in den Sauerkrautplatten zu enden. Mit angezogenen aber nach außen abstehenden Beinen wird er herumgewedelt und ganz unsanft abgestellt. Schade, dass diese beiden schon eine Rolle haben.

 

Ivonne darf in diesem Stück Thomas über die Bühne jagen, bis dieser sich auf den Tisch rettet. Das scheint schwierig zu sein. Der Weg vom Tisch auf Armins Rücken ist  ganz schön holprig. Irgendwann fallen die beiden noch zusammen von der Bühne. Vom Rücken fällt Thomas öfter. Dann klammert er sich verzweifelt aber lauthals kichernd an Armins Hals und lässt sich mit schleifenden Beinen über die Bühne zerren. Rollentausch. Armin gleitet ganz sanft auf Thomas Rücken. Ach so geht das. Noch mal. Rums. Da hängt er wieder baumelnd am Pfarrer. Am nächsten Abend fällt diese Szene aus. Wegen Rückenschmerzen. Die hat Ivonne auch irgendwann. Als sie nämlich den Domkapitular so lange auf dem Rücken halten muss bis Hermine ihren Auftritt hat. Den sie aber verpasst. Hoffentlich passiert das nicht in der Aufführung.

Auch wenn wir uns mittlerweile öfter sehen als die restlichen Familienmitglieder zuhause, so haben wir immer noch viel zu lachen. Dazu tragen die vielen Versprecher bei, die sich jetzt so langsam einschleichen. Der Pfarrer erklärt Her-mine, dass er Zimmer vermieten will „im Pfarrhaus gibt es so viele leer stehende Zimmer, und wir zwei brauchen doch nur eins davon“ Auweia. Im Textbuch steht natürlich „zwei davon“. Hermine quartiert irgendwann die Gäste immer ins selbe Zimmer ein. „Sie nehmen gleich das erste rechts“ (egal wer kommt) und Namen und Rollen werden verwechselt. Wer ist jetzt eigentlich der Domkapitular? Jetzt in der Szene ist es René, weil doch Ralf (als Erzengel) das so glaubt. Hä? Na, Ihr werdet es schon wissen. Manche solcher Versprecher nehmen aber Einzug in den richtigen Text. „Frau Peinlich“ kam gut, da wurde es offiziell auch übernommen.

 

So langsam nimmt auch die Bühne Gestalt an. Aber wir haben für unseren Kachelofen noch keine Fliesen. Bis wir sie endlich bei Ebay ersteigern. Hurra! 39 Fliesen macht  4 m2. Super!! Moment? Wer sagt das? Aha, Rechenkünstler weilen auch unter uns! Es ist gerade mal 4 m Länge! Nicht im Quadrat! Neue Suche. Apropos Suche, wie war das jetzt mit den Kirchenbänken? Ja, wir hätten welche bekommen können, aber leider wurden die gerade vernichtet. Aus der Traum.

 

Aber nicht nur die Kulisse muss herausgeputzt werden, auch die Mitspieler. Jeder sammelt sich seine Kostüme zusammen. Da kommen bunten Badehosen oder knallige Miniröcke zum Vorschein. Und sogar Haare für unseren Herrn Pfarrer. Lange Zeit kommt kein vernünftiges Gespräch mehr zustande, weil jeder immer wieder losprustet. Irgendwann haben wir uns dran gewöhnt. Bis der nächste kommt, der ihn zum ersten Mal so sieht. Dann geht’s grad wieder von vorne los.

 

Dann kommt das große Datum. Plötzlich stehen auf dem Parkplatz so viele Autos, die alle sorgfältig von unserem seit Jahren extra für die Theatergruppe tätigen Parkplatzwächter in Reih und Glied gestellt werden. Und im Saal ist eine große Geräuschkulisse. Manch einem von uns wird es jetzt schlecht. Warum tun wir uns das eigentlich an? Was genau ist denn so toll daran? Der Vorhang geht auf, und keiner kichert mehr hinter der Bühne. Alles läuft nervös hin und her oder bleibt ganz starr in einer Ecke sitzen. Jetzt ist es irgendwie vorbei.

 

Die Vorstellung läuft gut, und dem Publikum scheint es zu gefallen. Es wird viel gelacht. Aber eben über ganz andere Dinge als über die, die wir in den letzten Monaten so lustig fanden. Jetzt sind die Zuschauer dran. Und da merken wir wieder: Das ist es, wofür wir es machen. Damit wir alle Spaß haben. Für uns geht’s in zwei Jahren wieder los. Wenn wir uns alle begrüßen mit „Hallo Herr Domkapitular“, „Na, Herr Engel, wie viele Spenden haben Sie denn in den letzten zwei Jahren gesammelt?“, „Hallo, Herr Pfarrer, haben Sie noch ein Zimmer frei?“ ...

Anke Niebel

 

 

 

 

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